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day & night

Juli 2018

Sichten zwischen Tag und Nacht, gesammelt von 14 Künstler*innen, Download als PDF (72 MB).

“Aber wie das Erhabene von Dämmerung und Nacht, wo sich die Gestalten vereinigen, gar leicht erzeugt wird, so wird es dagegen vom Tage verscheucht, der alles sondert und trennt, und so muss es auch durch jede wachsende Bildung vernichtet werden, wenn es nicht glücklich genug ist, sich zu dem Schönen zu flüchten und sich innig mit ihm zu vereinigen, wodurch denn beide gleich unsterblich und unverwüstlich sind.” – Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit II,6

Tag und Nacht sind nicht nur als astronomisches Prinzip der Beleuchtung oder Nichtbeleuchtung der Erde zu betrachten. Die Menschheit hat das Prinzip auch übertragen auf Psychologie, Motive in Dichtung, Kunst und sogar Musik, auf kulturelles Erleben und geistige bzw. emotionale Zuordnungen (wie düster – hell und klar).

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Die Nacht wird in der Romantik zum irrationalen Zustand, kann aber auch – als transzendierende Reflexion – gleichzeitig die Geheimnisse des wahren Seins erschließen. Mythen evozieren in der Nacht Geister, Teufel und Gespenster, nicht nur Dracula ist ein beispielhafter Protagonist der imaginierten Hexen, Dämonen und furchteinflößenden Gestalten, die diese Märchen und Sagen bevölkern. Damit beschränkt sich Dunkelheit nicht nur auf biologische Vorgänge (Nachtruhe, Einschränkung des Sehens auf Schwarz-Weiß) sondern im übertragenen Sinne auch auf seelische Zustände und psychologische Erlebnisdimensionen (z.B. Angst).

Der Tag steht dagegen stellvertretend für wissenschaftlich geprägte Erkenntnis, der „lichte Tag“ überträgt die Klarheit der optischen Wahrnehmung in ihrer farbigen Vielgestaltigkeit und Differenzierung auf das geistige Erkennen und rationale Eindeutigkeit. Er steht auch für das “reale, alltägliche Leben”.

Die spannendste Zone ist die des Übergangs, die Dämmerung. Bereits in Ägypten steht diese erste Nachtstunde unter der Schirmherrschaft von Isis als Göttin über das Licht und die Finsternis und war bedeutungsschwanger. Der Grenzbereich zwischen Tag und Nacht (Terminator genannt) hat verkündende Qualität, das Abendrot ist mit Zukunftsvisionen besetzt. So auch die Morgendämmerung: manchmal ist sie beängstigend (für Dracula zum Beispiel ist sie der Moment größter Gefahr), in der Romantik war sie dagegen der Zeitpunkt der Hoffnung. Die Dämmerungsfarben führten nicht nur in der Kunst zu mystischen und fantastischen Imaginationen, die vom hier ins Jenseits reichen, sondern auch und gerade in der Literatur oder Poesie werden mit der Dämmerung stimmungsvolle Bilder heraufbeschworen.

Als Thema für Bildermacher heute haben die Mitglieder von Bildgrund11 (und Gäste) sich auf verschiedenen Ebenen des dualistischen Phänomens von Tag und Nacht angenommen und individuelle Versuche in Bilderpaare gebracht. Die Implikationen reichen – entsprechend der Betrachtungspositionen – von psychologisch über lebenskulturell bis hin zum gedanklichen Spiel und als besonders reizvoll wurden die Zwischenzonen ausgelotet. Dabei erweist sich das hier vorgestellte kleine Panoptikum eher als ein Betrachtungsansatz, dem eine weitere, vielleicht tiefere Beschäftigung folgen könnte. In keinem Fall versuchen die Bilderpaare sich auf die besonderen optischen Phänomene der Zeiträume zu beschränken, sondern sich im künstlerischen Sinne auf das Dahinterliegende zu richten. Und da bleibt, folgerichtig, vieles offen, angedeutet und spannend zugleich.

Marcello Rubini

Auszüge aus dem Magazin