Das Shooting mit Carlo war eines von denen, bei der mich das Modell menschlich so gefesselt hat, dass ich mich nicht gut aufs Fotografieren konzentrieren konnte und später mit der Nachbearbeitung totale Probleme hatte, weil ich keinen Zugang zu den eigentlichen Bildern finden konnte. Er ist Armenier und lebt im Libanon, ein winziges Land mit etwa 6 Millionen Einwohnern. Mit Beginn des Syrienkrieges strömten etwa 2 Millionen Flüchtlinge in das kleine Land. Man stelle sich die Relation vor. Da sitzen wir hier oben ganz bequem im Norden, reden uns dauernd ein, dass wir damit nichts zu tun hätten (während wir uns ein Nestle-Wasser und nen Nestle-Schokoriegel gönnen) und beschweren uns über die Flüchtlinge, wettern gegen die private Seenotrettung während ein kleines, armes Land wie der Libanon so viele Flüchtlinge zu beherbergen versucht, dass sie ein Viertel seiner Einwohner ausmachen. Das Einzige was Carlo über die Flüchtlinge in seinem Land sagte war, wie schlimm es sei, dass sie in dieser Situation wären, dass es natürlich für sein Land schwierig wäre, aber er als Armenier die Auswirkungen des Genozid durch seine Großeltern noch erfahren habe. Er wusste, was es bedeutet, wenn man nicht mehr fliehen, sondern nur noch flüchten kann. Wenn ich die Bilder objektiv betrachte, sind es nicht meine Besten. Aber wie wertvoll ist mir diese Begegnung mit Carlo und Fakt ist, dass wir uns nie begegnet wären, gäbe es die Fotografie nicht. Manchmal geht es nicht um das fertige Bild. Manchmal geht es um den Weg dahin.